Dr. Schilling macht früh Feierabend
von Alfons
Wenker
„Das Türschild könnte auch mal erneuert werden,“ dachte Dr. Schilling, als er auf die Klingel drückte. Heute hatte er es geschafft. Wie oft hatte Frau Ermke ihm in den Ohren gelegen. „Sie müssen unbedingt nach Frau Schriewer sehen, meiner Schwester. Sie wohnt neben mir. Sie verkommt im Müll. Wovon sie sich ernährt, weiß ich nicht. Sie wird von Tag zu Tag klappriger; aber helfen lassen will sie sich nicht. Sie glaubt, ich sei die Rektorin der Schule, an der sie unterrichtet hat. Es ist ein Elend.“
„Der übliche Fall von Verwahrlosung, das ist schnell geregelt,“ dachte Dr. Schilling. Er hatte hier im Süden Mecklenburgs eine Arztpraxis eröffnet, zusammen mit Frank, seinem Studienfreund. Etwas Bauchschmerzen hatte er gehabt. Als er seine Pläne in die Tat umsetzte, war ihm, dem Westfalen, der Osten doch völlig unbekannt. Es hatte gedauert, bis er nicht mehr der „Wessi-Doktor“ war.
Durch ein polterndes Geräusch wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Im Flur musste etwas umgefallen sein. Eine zierliche alte Dame im hellblauen Kleid öffnete die Tür. Über die Schulter hatte sie ein pinkfarbenes Tuch gelegt. „Kommen Sie herein, Herr Schulrat. Ich habe Sie erwartet.“ Frau Schriewer wies auf die Tür am anderen Ende des Flures. „Dort ist das Klassenzimmer; die Kinder sind schon ganz aufgeregt.“ Dr. Schilling mußte über Dosen hinwegsteigen, die über den Flur verstreut lagen. Offenbar waren sie es gewesen, die beim Umfallen den Lärm verursacht hatten. Stapel von Büchern und Zeitschriften zwangen ihn, darauf zu achten, wohin er seinen Fuß setzte. „Nehmen Sie Platz, Herr Schulrat,“ forderte die alte Dame ihren Gast auf. Hastig zog sie die verschmutzten Teller vom Sessel. Als Dr. Schilling sich setzte, erhob sich ein kleine Staubwolke. Er sah sich um.
Frau Ermke hatte nicht übertrieben. Wie konnte ein Mensch hier leben? Auf dem Fernseher die halbvolle Ketchupflasche neben grell bunten Kerzen, auf dem Fußboden zehn Bände Brockhaus, alle aufgeschlagen, dazwischen Unmengen von Konservendosen; Rotkohl schien ihr Lieblingsessen zu sein. Die alte Frau wühlte in einem Bücherstapel. „Wir fangen heute mit Erdkunde an: ich suche nur den Atlas. Afrika ist das Thema.“
„Eindeutiger Fall von Demenz und Verwahrlosung; ich werde beim Altenheim anrufen; der nächste Platz muss für sie sein.“ Der Arzt blätterte in einem Stapel Unterlagen, der auf dem Tisch lag. Sein Blick fiel auf eine Urkunde. „Für 40-jährige Pflichterfüllung im Schuldienst spreche ich Frau Katharina Schriewer meinen aufrichtigen Dank aus. Johannes Rau, Ministerpräsident“. Dr. Schilling stutzte. „Katharina Schriewer aus Nordrhein-Westfalen. Sollte …?“ Seine Gedanken begannen zu kreisen.
Er sah sich auf dem Schulhof; die anderen Kinder umringten ihn. „Musst du heute Mist fahren oder Schweine hüten?“ höhnten sie. Warum ließen sie ihn nicht in Ruhe? Was konnte er dafür, dass sein Vater Bauer war? Sie gönnten ihm wohl nicht die „Zwei“, die Frau Schriewer ihm in Erdkunde gegeben hatte. Seine Lehrerin kam auf ihn zu. „Sag bitte deinem Vater, dass ich ihn sprechen möchte; es ist wichtig.“ Als sie gegangen war, stürmten die Kinder auf ihn zu. „Oh, oh, was die Schriewer wohl von deinem Vater will, das gibt bestimmt Ärger.“ Andreas verzog sich in die hinterste Ecke des Schulhofs.
Als sein Vater von der Schule zurück kam, tobte er. „Ich weiß nicht, was die studierte Tante will. Mein Sohn aufs Gymnasium, wozu? Als Ältester wird er den Hof übernehmen und damit basta.“ Immer wieder war Frau Schriewer auf dem Bauernhof erschienen; sogar den Schulrat hatte sie eingeschaltet. Nach drei Monaten war Vaters Widerstand gebrochen. Etwas verlegen stand Andreas auf dem Schulhof des Gymnasiums. Seine Mutter strahlte. Er hatte beim letzten Besuch beobachtet, wie Frau Schriewer ihr zuzwinkerte, als Vater mit einem mürrischen „Ihr Frauen habt mal wieder gewonnen“ die Küche verließ.
„Schade, dass Vater nicht mehr erlebt hat, dass ich die Praxis eröffnet hab“, dachte Dr. Schilling. „Wohnen Sie schon lange hier?“, fragte er die alte Dame. „Nein, nein“, antwortete sie, „ich bin erst vor kurzem hierher versetzt worden. Früher war ich an einer Schule in Westfalen.“ „Das stimmt“, schaltete sich Frau Ermke ein, die gerade das Haus durch die Terrassentür betrat. „Meine Schwester ist hier geboren und 1960 mit ihrem Sohn in den Westen geflüchtet. In einem westfälischen Dorf ist sie Lehrerin geworden. Sie hat es schwer gehabt, mit den Leuten warm zu werden, evangelisch, ohne Mann und mit unehelichem Kind. Aber allmählich hat sie sich Respekt verschafft, besonders bei den Frauen. Nach ihrer Pensionierung ist sie zurückgekommen; unser Elternhaus stand ja noch.“
„Da hat die Rektorin Recht“, unterbrach Frau Schriewer ihre Schwester. „Schauen Sie, wie schön es hier ist.“ Trippelnd ging sie zum Fenster und zog die Gardine zur Seite. Sie zeigte auf den kleinen See, über dem ein Fischreiher seine Kreise zog. „Ist es nicht herrlich, hier zu wohnen, Herr Schulrat?“, fragte sie ihren Gast. „Niemals werde ich dieses kleine Reich verlassen. Ich bin wieder Zuhause.“ Frau Schriewer strahlte Dr. Schilling an. Der drehte sich um. „Ich muss hier raus“, dachte er, „ich kann ihr nicht sagen, was ich vorhabe.“ Grußlos verließ er das Haus. Als er ins Auto stieg, hörte er die klagende Stimme von Frau Schriewer. „Wo sind Sie denn, Herr Schulrat? Der Unterricht hat noch gar nicht begonnen.“
„Frank, würdest du bitte meine Patienten übernehmen. Ich muss Feierabend machen,“ bat Dr. Schilling seinen Freund, als er die Praxis betrat. „Klar, Andreas“, meinte der, „du wirst dir was dabei denken.“
Draußen zog Dr. Schilling die Kapuze über den Kopf. Es hatte zu nieseln begonnen. Den roten Schal schlang er fest um den Hals. Es war erst Mitte November, aber schon empfindlich kalt. Erste Nebelschwaden legten sich über den See. Dr. Schilling atmete tief ein. Beim Anblick der Schilfrohre, die sich im Wasser wiegten, drängten murmelnd Zeilen seines Lieblingsgedichts ins Freie. Wie oft hatte Frau Schriewer es ihn aufsagen lassen; „Der Knabe im Moor“. Die alte Holzbrücke schwankte unter seinen Schritten. „Oh schaurig ist 's, übers Moor zu gehn, wenn es wimmelt vom
Heiderauche.“ Heimlich hatte er abends im Bett gelesen. „Fest hält die Fibel das zitternde Kind, und rennt, als ob man es jage“. Noch jetzt spürte Dr. Schilling, wie damals beim Lesen das Herz pochte. „Da, mählich, gründet der Boden sich, und drüben, neben der Weide, die Lampe flimmert so heimatlich, der Knabe steht an der
Scheide." Wie lange hatte er diese Zeilen nicht mehr aufgesagt?
Die alten Dachbodendielen knarrten, als Dr. Schilling den schweren Koffer aus der Ecke zog. Da war es, das alte Lesebuch. Er ließ die Seiten durch die Finger gleiten. „Herr von Ribbeck auf Ribbeck". „John Maynard". „Nis Randers". „Erlkönig". Er klappte das Buch zu und stieg hinunter. Im Flur griff er zum Telefon.
„Hallo, Frau Steinkraus, ich bin's, Dr. Schilling. Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Ich vermisse Sie als Sprechstundenhilfe, aber Ihre Rente haben Sie sich verdient. Sie sagten beim Abschied, dass Sie gerne eine Aufgabe übernehmen würden. Ich kenne da eine alte Dame, die braucht jemanden, der mal nach ihr sieht. Machen Sie sich mal ein paar Gedanken darüber. Ich ruf Sie morgen wieder an.“ Durch die geöffnete Küchentür rief er seiner Frau zu. „Ich muß noch zu einer Patientin; wartet mit dem Abendessen nicht auf mich.“ Frau Schilling wunderte sich, dass ihr Mann nicht mit der Arzttasche, sondern mit einem abgegriffenen grünen Buch unter dem Arm aus dem Haus ging.
Die alte Frau lauschte der Stimme. „Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, was Erlenkönig mir leise verspricht? Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind! In dürren Blättern säuselt der Wind.“ „Ich werde das Buch hier lassen,“ dachte Dr. Schilling, als er leise ging, „dann brauche ich es morgen nicht mitzubringen.“ Draußen warf er lachend ein Büschel Laub in die Höhe. „Manchmal sind sie doch seltsam, die studierten Leute“, dachte Frau Ermke, die am Küchenfenster stand, als der Arzt das Haus ihrer Schwester verließ.
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